Imagini ale paginilor
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Da der Tag ausnehmend schön war, speisten wir im Freien, und was Beethoven besonders zu gefallen schien, war dies, dass wir die einzigen Gäste im Hôtel und den ganzen Tag für uns allein waren. Die Wiener Mahlzeiten sind in ganz Europa berühmt und die für uns bestellte war so luxuriös, dass Beethoven nicht umhin konnte über die Verschwendung Bemerkungen zu machen. » Wozu so viele verschiedene Gänge?« rief er aus, » der Mensch steht wenig über andern Thieren, wenn der Esstisch sein Hauptvergnügen bildet«. Solche und ähnliche

Solche und ähnliche Betrachtungen machte er während unserer Mahlzeit. Von Speisen liebt er bloss die Fische, von welchen die Forelle sein Liebling ist. Er ist ein grosser Feind von allem Zwange, und ich glaube es giebt Niemand in Wien, der von allen, selbst von politischen Gegenständen mit so wenig Zurückhaltung spricht, als Beethoven. Er hört schlecht, aber spricht bemerkenswerth gut, und seine Beobachtungen sind so charakteristisch und so originell wie seine Compositionen.

Im ganzen Verlauf unseres Tischgespräches war nichts so anziehend, als was er über Hündel sagte. Ich sass dicht neben ihm und hörte ihn ganz deutlich auf deutsch sagen: »Händel ist der grösste Componist der je gelebt hata. *) Ich kann Ihnen nicht beschreiben, mit welchem Ausdruck (pathos), und ich möchte sagen, in welcher Erhabenheit (sublimity of language) er von dem Messias dieses unsterblichen Genies sprach. Jeder von uns war ergriffen, als er sagte: „Ich würde mein Haupt entblössen und auf seinem Grabe niederknieen«. H. und ich versuchten wiederholt das Gespräch auf Mozart zu lenken, aber umsonst; ich hörte ihn nur sagen: » In einer Monarchie weiss man wer der Erste ista, was sich auf diesen Gegenstand beziehen mag, oder auch nicht. Herr C. Czerny, der, beiläufig gesagt, jede Note von Beethoven auswendig weiss, obgleich er von sich selbst nicht eine einzige Composition spielt, ohne die Musik vor sich zu haben, sagte mir indessen, dass Beethoven bisweilen unerschöpflich sei im Lobe Mozart's. Bemerkenswerth ist, dass dieser grosse Musiker es nicht ertragen kann, seine eigenen früheren

hiervon machte der vierte Satz von der glen Symphonie ... Selbst die grössten Stücke in Fidelio zeigen in der ersten Partitur nicht die mindesten Aenderungen in der Form, wohl aber einen Kampf mit den Rhythmen, sowie auch Tausende von Aenderungen in der Instrumentirung und in Führung der Singstimmen«. Schindler S. 169.

*) »Mozart drückte sich auf eine ähnliche Weise aus, und Haydn war bei einer Aufführung des Messias in der Westmünster-Abtei durch die erhabenen Melodien fast überwältigt und weinte wie ein Kind«. Harmonicon.

Werke loben zu hören, und ich erfuhr, dass man ihn am sichersten ärgerlich machen kann, wenn man über sein Septett, dio Trios u. dgl. Complimente vorbringt. *) Seine letzten Erzeugnisse, an denen man in London so wenig Geschmack findet, die aber von den jungen Künstlern in Wien so sehr bewundert werden, sind seine Lieblinge. Seine zweite Messe, höre ich, sieht er als sein bestes Werk an.

Gegenwärtig ist er mit einer neuen Oper Namens Melusine beschäftigt, deren Text von dem berühmten aber unglücklichen Dichter Grillparzer ist. Er kümmert sich sehr wenig um die neuesten Arbeiten lebender Componisten, so wenig, dass er, über den Freischütz befragt, zur Antwort gab: » Ich glaube, ein gewisser Weber hat ihn geschrieben «. **) Es wird Sie freuen zu hören, dass er ein grosser Bewunderer der Alten ist. Homer, besonders seine Odyssee, und Plutarch zieht er allen andern vor; und von den vaterländischen Dichtern studirt er vorzugsweise Schiller und Goethe. Der letztere ist sein persönlicher Freund. ***) Von der britischen Nation scheint er unveränderlich die günstigste Meinung zu hegen; » ich liebe die edle Einfachheit der englischen Sitten“, sagte er und fügte noch andere Lobsprüche hinzu. Es schien mir, als ob er noch einige Hoffnung habe, dieses Land mit seinem Neffen besuchen zu können. Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, dass ich ein Trio von ihm im Manuscript t) für Pianoforte, Violine und Violoncell gehört habe, welches mir sehr schön vorkam und, wie ich vernehme, nächstens in London erscheinen wird. Das Porträt, welches Sie von ihm in den Musikhandlungen sehen, gleicht ihm jetzt nicht, doch mag es dies vor acht bis zehn Jahren gethan haben. tt)

*) »Wahr ist es, dass er vom Septuor und dem Quintett für Fortepiano mit Blaseinstrumenten nicht sprechen hören mochte, weil beide Werke, besonders letzteres, zu wenig von seinem eigenthümlichen Gepräge inne haben. Von allen anderen Werken ohne Ausnahme sprach er, wenn man ihn auf ein und das andere führte; über einzelne seiner Klavierwerke mit grösserer Vorliebe, als über seine grösste Simphoniea. Schindler S. 171.

**) »I believe one Weber has written it«. »Beethoven hatte sich mit der Musik vom Freyschütz bald nach dessen Aufführung in Wien bekannt gemacht und sie hoch gestelltu. Schindler S. 172.

***) »Er hat es im selben Jahr (1823) noch bewiesen!!!!!a Schindler S. 172. Vgl. dessen Leben Beethoven's 1. Aufl. S. 84.

+) »Das ist ein Irrthum. Nach dem Trio (Op. 97) hat er keins mehr geschrieben, und dieses war schon seit einigen Jahren im Druck herausa. Schindler S. 173.

tt) »Es war der Kupferstich von Letronnea. Schindler S. 173.

Ich könnte Ihnen noch viel von diesem ausserordentlichen Manne erzählen, der, nach dem was ich von ihm gesehen und erfahren habe, mir die tiefste Verehrung eingeflösst hat; aber ich fürchte, ich habe Ihre Zeit schon zu lange in Anspruch genommen. Die freundliche und herzliche Weise, mit welcher er mich behandelte und mir Lebewohl sagte, hat einen Eindruck in meinem Geiste gelassen, der für das Leben dauern wird. Adieu.)

Σ.

2. Ein Besuch bei BEETHOVEN. **)
(Auszug aus einem von einer englischen Dame geschriebenen Briefe ;

datirt Wien, October 1825.)

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Die kaiserliche Bibliothek ist der schönste Saal, den ich je gesehen habe, und der Bibliothekar (Graf Moritz v. Dietrichstein) sehr freundlich und zuvorkommend. Was werden Sie sagen, wenn ich Ihnen erzähle, dass es diesem nach unendlicher Mühe gelungen ist, mir den Zutritt zu BEETHOVEN zu verschaffen der so ausserordentlich schwer zugänglich ist, jedoch auf das Briefchen, in welchem er gebeten wurde mir zu erlauben, dass ich ihm einen Besuch abstatten dürfe, antwortete – » Avec le plus grand plaisir, je recevrai une fille de

BEETHOVEN.« Wir begaben uns nach Baden, einem hübschen Städtchen in dem Erzherzogthum Oesterreich, etwa 15 engl. Meilen südwestlich von Wien und sehr besucht wegen seiner heissen Bäder (woher es seinen Namen hat, wie unser Bath), wo der Gigant der lebenden Componisten – wie Herr **** ihn stets zu meinem Vergnügen zu nennen pflegt während der Sommermonate verweilt.

Die Leute schienen erstaunt, dass wir uns so viele Mühe gaben; denn, so unbegreiflich es auch denen vorkommen mag, welche irgend Kenntniss von der Musik oder Geschmack dafür besitzen, in Wien ist seine Herrschaft vorüber, ausser in den Herzen weniger Auserwählten,

*) »Der Gedanke, dass ich die Achtung und Freundschaft eines Beethoven mit mir, einstens, nach London gebracht, und die lebhafte Erinnerung der letzten gegenseitigen seelenvollen Umarmung auf der Landstrasse von Baden nach Wien, noch am Waagen, durchbebt mich stets noch mit neuen Gefühlen die ich zu schildern nicht vermag«. Stumpff in einem Briefe an Schindler v. 15. Nov. 1839; in Lonsdale's Sammlung.

**) The Harmonicon, Dec. 1925, pp. 222 - 223.

denen ich aber, nebenbei gesagt, noch nicht begegnet bin*); und ich wurde sogar bedeutet, mich auf einen rauhen, unhöflichen Empfang gefasst zu machen. Als wir anlangten, war er soeben durch ein Regenschauer nach Hause gekommen, und stand im Begriff seinen Rock zu wechseln. Nach allem was ich von seinem brüsken Wesen gehört hatte, bekam ich schon Unruhe, er möchte uns eben nicht sehr herzlich empfangen: als er aus seinem Heiligthum hervor trat, eiligen und sehr festen Schrittes; aber er redete uns auf eine so sanfte, so höfliche und so freundliche Weise an, und mit so viel Aufrichtigkeit in seiner Freundlichkeit, dass ich nur Herrn **** kenne mit dem er verglichen werden kann **), welchem er sehr ähnlich ist, an Gesicht, Figur, Haltung wie auch in den Ansichten. Er ist klein, dünn und hinreichend aufmerksam auf persönliche Erscheinung. Er bemerkte, dass **** viel von Händel halte, dass

, er selber ihn ebenfalls liebe; und fuhr einige Zeit fort im Lobe dieses grossen Tonsetzers. Ich unterhielt mich schriftlich mit ihm, denn ich fand es unmöglich mich hörbar zu machen; und obgleich dies eine sehr holperige Art von Mittheilung war, so hatte es doch nicht viel auf sich, da er immer frei und unaufgefordert fort sprach, und weder auf Fragen wartete, noch lange Antworten zu erwarten schien. ***) Ich wagte es, meine Bewunderung für seine Compositionen auszudrücken, und pries u. a. seine Adelaide in Worten, die für meinen Verstand von ihren Schönheiten keineswegs zu stark waren. Er bemerkte sehr bescheiden, dass die Dichtung schön sei.

Beethoven spricht gut Französisch wenigstens im Vergleich mit den meisten andern Deutschent), und unterhielt sich mit **** ein

*) »Der Geschmack der vornehmen Welt Wien's ist ihrer Regierung würdig; zur Zeit ziehen sie Carl Czerny dem Beethoven vor. Als Mozart lebte und seine Opern in jener Stadt aufgeführt wurden, bevorzugten Hof und beau-monde den Salieri aus Opposition gegen ihn!« Harmonicon. Die Worte »with whom I have not yet met , denen ich aber noch nicht begegnet bin« übersetzt Schindler S. 175 : » unter denen ich aber den Herrn Bibliothekar (Dietrichstein) nicht fand« was doch eine Fälschung ist, mag es mit der Abneigung des Grafen gegen Beethoven auch seine Richtigkeit haben.

**) » Eine literarische Persönlichkeit, bemerkenswerth wegen Herzensgüte und Sitteneinfalta, Harmonicon.

***) » Lady charakterisirt mit diesem Letzteren die Conversation mit Beethoven treffend. In dieser Art war sie mit Fremden fast stets«. Schindler S. 176. Aber Schindler's Uebersetzung der Worte » and did not wait for questions a durch »und weder auf Fragen antwortete« verändert und vergröbert den Sinn doch wohl unnöthig.

t) »Ein solches Urtheil von einer Britin zu hören klingt doch gar zu possierlich«. Schindler S. 176. Die Deutschen zu 30 -40 Millionen veranschlagt, hat sie gewiss recht.

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wenig auf Lateinisch. *) Er sagte mir, er würde Englisch gesprochen haben, aber seine Taubheit habe ihn verhindert, es weiter in unserer Sprache zu bringen, als bis zum Lesen. **) Er sagte, dass er die englischen Schriftsteller den französischen vorziehe, denn » ils sont plus vrais e, Thomson ist sein Liebling, doch seine Bewunderung für Shakespeare ist in der That sehr gross.

Als wir Anstalt machten uns zu entfernen, bat er uns noch zu bleiben

Je veux vous donner un souvenir de moi«. Er begab sich darauf an den Tisch eines Nebenzimmers und schrieb zwei Zeilen Musik eine kleine Fuge (Canon) für das Pianoforte, - und überreichte sie mir auf die liebenswürdigste Weise. Darauf ersuchte er mich, ihm meinen Namen vorbuchstabiren zu wollen, damit er sein Impromptu correct überschreiben könne. Sodann nahm er meinen Arm und führte mich in das Zimmer wo er geschrieben hatte (damit ich seine ganze Wohnung zu sehen bekomme), welches ganz das eines Autors, aber vollkommen reinlich war; und obwohl nichts von dem Ueberflusse eines Reichen andeutend, doch auch keinen Mangel zeigte weder an nützlichen Mobilien, noch an netter Aufstellung derselben. Man darf jedoch nicht vergessen, dass dies seine Landwohnung ist und dass die Wiener nicht so verschwenderisch oder so eigen in ihren Hausgeräthschaften sind, als wir. Ich führte ihn behutsam in ein Zimmer auf der andern Seite zurück, in welchem sein grosses, ihm von den HH. Broadwood geschenktes Pianoforte stand: aber er schien bei dessen Anblick melancholisch zu werden und sagte, es sei sehr in Unordnung, denn auf dem Lande sei ein äusserst schlechter Stimmer. Er schlug einige Töne an, um mich zu überzeugen; nichtsdestoweniger legte ich das handschriftliche Blättchen, welches er mir soeben gegeben hatte, auf das Pult und er spielte es ganz simpel durch, aber präludirte dazu mit drei oder vier Accorden solche Händevoll Noten! das würde

zu Herzen gegangen sein. ***) Dann hielt er inne, und ich

Herrn **

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*) »Wie? was? er war ja nicht über lima, limae hinaus! Da sieht man wieder deutlich, wie ein grosser Mann alles kann, alles können muss, was seine Bewunderer ihm andichten«. Schindler S. 176. Es wird wohl Spanisch gewesen sein.

**) d. h. bis zum Lesen von Uebersetzungen; s. unten S. 450 u. Schindler II, 181.

***) »but prefaced it by three or four chords suck handfuls of notes! that would have gone to Mr. ****'s hearta. Bei Schindler S. 177 ist dies übersetzt: „aber er präludirte mit drei oder vier Akkorden, solchen Handvoll Noten (?), dass sie Herrn * beinahe zu Herzen gegangen wärena — und dazu macht er folgende Bemerkung: »Welcher ungeheure musikalische Geist spricht aus diesen Worten der Lady! Doch sie meint es gut«. Die Dame spricht hier nicht im mindesten von ihrem Begleiter, sondern spielt

*

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