Imagini ale paginilor
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vollständigen D besorgte derselbe Reichard in seiner Zeitschrift Olla Potrida 1781, Theil II, p. 18—68. Die Frage, ob wir den uns vorliegenden Text des deutschen Hamlet als eine authentische Uebersetzung eines englischen Stückes zu betrachten oder ob wir ihn für eine freie Bearbeitung zu halten haben, muß nach allen bisherigen Ermittlungen entschieden in dem letzteren Sinne beantwortet werden. Selbst die schon 1620 (s. 1.) veröffentlichte Sammlung von deutschen Bearbeitungen englischer Komödien und Tragödien, hält Cohn, Shakespeare in Germany (ch. V, p. CIV ff.) nicht für authentische Uebersetzungen, sondern für 'adaptations of uneducated speculators, whose object was to spoil the market for the English, and to appropriate their subjects for the benefit of German companies, who had begun to compete with the English at an early period. Er fügt (ib.) hinzu: 'It is impossible to imagine for a moment that the English actors themselves made this collection, as has often been asserted. Auf S. CV f. giebt er Beweise für die Behauptung, daß die deutschen Piraten während der Vorstellungen sich durch Nachschreiben das Material zu ihren Bearbeitungen verschafften. Zwei Punkte, welche er dabei erwähnt, erfahren aus dem ebenso entstandenen A eine überraschende Bestätigung. Wenn er S. CV findet, daß an vielen Stellen in jenen deutschen Stücken die Reden mit einem „&c“ abbrechen und so ohne Sinn oder wenigstens ohne Schluß bleiben, und darin einen Beweis sieht, daß der Schreiber den Schluß entweder nicht erfaßt oder nicht verstanden hat, so erinnert das an die von mir bereits (Transact. S. 183) berührte Stelle in A (Furn. 1256) and so forth', zu der ich bemerkte, daß sie aussähe 'as if X (d. h. der A-Pirat) had thoughtlessly allowed an &cto pass from his notes into the text. Wenn ferner Cohn darauf aufmerksam macht, daß sich zuweilen eine Verwirrung in der Vertheilung der Reden unter die verschiedenen Personen bemerkbar mache, so habe ich (Transact. S. 168) auch hierzu bei meiner Vergleichung der beiden Quartos einige Parallelen gefunden. In den deutschen Stücken der erwähnten Sammlung von 1620 kehren stereotype Phrasen immer wieder (Cohn S. CVI), ja sogar ganze Scenen werden aus einem Stück in andere verpflanzt: die Späße der Clowns in den verschiedenen Stücken sind vielfach dieselben - "the characters say: 'Now will I do this and afterwards Now I have done that". Fast alle eben aufgeführten charakteristischen Merkmale der deutschen Stücke treten dem Leser auf den ersten Blick auch in D entgegen, und die allgemeine Beschaffenheit des deutschen Hamlet ließe von vorn herein auf einen ähnlichen piratischen Ursprung desselben schließen, selbst wenn die in D von Hamlet den reisenden Schauspielern gegenüber getadelten Uebelstände und Verderbnisse in ihrer Kunst nicht durchaus solche wären, die, wie Cr. S. 26 treffend bemerkt, genau auf die deutschen Bühnenverhältnisse des 17. Jahrhunderts passen. Dazu kommt noch, daß in D mehrfach die Schauspieler ausdrücklich als ,,Teutsche" gekennzeichnet werden, was mir ein bisher noch nicht genügend beachtetes Moment zu sein scheint.

Wenn nun die Wahrscheinlichkeit, daß D selbst in seiner ursprünglichen Fassung nur eine deutsche Raubausgabe des wirklich von den Engländern in Deutschland aufgeführten Stückes war, unsern Glauben an den Wert von D für die Kritik des Sh.’schen Hamlet arg zu erschüttern geeignet ist, so wird dieser geringe Wert noch mehr beeinträchtigt, wenn wir bedenken (Cr. S. 3), daß ,,das Stück sich von einer Truppe zur andern fortpflanzte und dabei im Laufe eines Jahrhunderts mannigfachen Umgestaltungen unterlag.“ Von den ursprünglich etwa noch vorhandenen Uebereinstimmungen zwischen D und Sh.'s Hamlet gingen auf diese Weise gewiß viele verloren; andrerseits bot sich auf den hundertjährigen Irrfahrten des Stückes ohne Zweifel reichliche Gelegenheit zu Zusätzen verschiedenster Art.

Alle diese Erwägungen lassen es natürlich erscheinen, daß D im Wesentlichen nur in den allgemeinen Umrissen der Handlung, d. h. in dem mit Shi's Stück übereinstimmt, was dasselbe, wie Cr. sagt, als „bühnen wirksam“ empfehlen konnte.

Wie A aus dem authentischen Hamlet im allgemeinen nur die bühnenwirksamen Elemente und den Gang der Handlung geraubt hat, während die dichterische Schönheit und Vollendung bis auf geringe Spuren verschwunden sind, so darf in D im allgemeinen auch Nichts weiter erwartet werden. Wir werden daher gut thun, uns etwaigen speziellen Uebereinstimmungen zwischen D und dem authentischen Sh.'schen Texte gegenüber sehr skeptisch zu verhalten.

In der That sind nun m. E. bei weitem die meisten der 19 Punkte, in denen Cr. Uebereinstimmungen zwischen D und B findet, nicht dazu angethan, uns eine andere Meinung über D aufzunöthigen:

1) In der im Einzelnen völlig frei behandelten Anfangsscene in D sagt die erste Schildwache: ,,Ob es gleich kalt ist, habe ich

doch einen Höllenschweiß ausgehalten.“ In B I, 1, 8 sagt Francisco:

't is bitter cold And I am sick at heart. Die Erwähnung der Kälte findet sich auch in A (Furn. 72 f.), freilich in der zweiten Plattform-Scene, die aber in D bekanntlich mit der ersten zu einem Ganzen verschmolzen ist. Wir haben schon oben bemerkt, daß gewisse Theile des Originals in D umgestellt und nach Bedarf hier oder dort verwendet worden sind. Das englische 'I am sick at heart aber kann nicht als gleichbedeutend mit dem „Höllenschweiß" in D gelten: in B fühlt sich die Schildwache unbehaglich in Folge des Postenstehens und der Kälte, in D rührt der „Höllenschweiß" ausgesprochener Weise von der Angst her, die die Schildwache wegen des „alle Viertelstunden“ erscheinenden Geistes ausgestanden hat. Der Zusammenhang zeigt auf's Deutlichste, daß hier D Nichts weiter als A zur Grundlage fordert.

Auf das Vorkommen des Namens Francisco in DB gegen A komme ich weiter unten zurück.

2) D I, 5. Der Geist sagt: „Höre mich, Hamlet, denn die Zeit kommt bald, daß ich mich wieder an denselben Ort begeben muß, wo ich hergekommen.“ B I, 5, 2.

My houre is almost come
When I to sulphrous and tormenting flames
Must render vp my selfe.

443 Cr. fügt hinzu; Fehlt in A. Ich finde aber: A Z.'s briefe let me be und Z. Tood f.:

but soft, me thinkes I sent the mornings ayre, briefe let me be. Darin liegt doch zur Genüge angedeutet, daß der Geist bald fort muß. Wohin? In D heißt es ganz matt und prosaisch: an den Ort, wo ich hergekommen. Ist es wohl denkbar, daß sich der Bearbeiter von D das dem populären Glauben so prächtig entsprechende, packende

to sulphrous and tormenting flames hätte entgehen lassen, wenn er es hätte haben können?

3) Siehe weiter unten.

4) Die ganz freien Wortspiele über Consens (D 1, 7) sollen nach Cr, auf die Zeile in B I, 2, 58 hinweisen: Vpon his will I

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seald my hard consent. Aber A (Z. 162) bietet denselben Gedanken wie B, nur spricht Corambis dort von einem forced graunt. Bei der in D leicht zu bemerkenden Sucht, möglichst Fremdwörter statt der deutschen zu verwenden (Hamlet permittiert den Schauspielern zu agieren; Horatio visitiert die Wachen; Hamlet soll alteriert sein; der König hat Adhærenten; die Solennitäten sind einzustellen; u. s. w.), lag kein Wort so nahe wie Consens. Ich halte diese Uebereinstimmung für bloßen Zufall. 5) D II, 2:

Prinz Hamlet ist toll, ja so toll als der griechische Tollerau jemals

gewesen.
König: Und warum ist er toll?
Corambus: Darum, daß er seinen Verstand verloren.
B II, 2, 92:

your noble sonne is mad:
Mad call I it, for to define true madness

What ist but to be nothing else but mad. A., Z. 757:

Certaine it is that hee is madde:

Mad let vs grant him then. Hier soll D dem B ähnlicher als dem A sein. Der Rest der kleinen Scene in D zeigt, daß es den Schauspielern nur auf ein paar armselige Scherze ankam; denn der König fragt weiter: Wo hat er denn seinen Verstand verloren? und erhält die Antwort: das weiß ich nicht, das mag Derjenige wissen, welcher ihn gefunden hat. Uebrigens stammt die Anregung zu diesen Späßen aus der im übrigen in D fehlenden Kirchhofsscene, wo in dem Gespräch der Clowns sich ganz Aehnliches findet: A (Z. 1926 ff.): Ham.:

how came he madde?
Clown: Ifaith very strangely, by loosing of his wittes.
Ham.: Vpon what ground?
Clown: A this ground, in Denmarke.

6) „In D II, 6 und B II, 2, 623 spricht Hamlet in einem Monolog die Absicht aus, die Schauspieler sollten Etwas in der Art wie die Ermordung seines Vaters aufführen, in A nicht.“ Der ganze Verlauf des Stückes würde hinreichen, Hamlet in D sein Vorhaben aussprechen zu lassen. Dazu kommen Stellen wie: A 1095-1100 und am Schlusse seines Monologs, 1135:

I will haue sounder proofes:
The play's the thing
Wherein l'le catch the conscience of the King.

Während Hamlet in D gar nicht oft genug ankündigen kann, daß er simulieren will oder simuliert, sollte er seine Absicht mit dem Schauspiel ganz für sich behalten?

7) Siehe weiter unten.

8) In D und B wird das Ehepaar im eingelegten Schauspiel als König und Königin bezeichnet, in A in der einen Bühnenanweisung (nach 1259) als König und Königin, in der andern (nach 1273) als Herzog und Herzogin. Soll das Etwas beweisen? Es genügt doch, daß die Bezeichnung König und Königin in A nicht fehlt.

9) Hamlet sagt in D III, 8 zu Horatio: „Sahet ihr, wie der König sich entfärbte, als er das Spiel sahe? Hor.: Ja, Ihro Durchlaucht, die That ist gewiß. Haml.: [Er hat] eben also meinen Vater getödtet, wie ihr in diesem Schauspiel gesehen.“ Wenn Cr. hier auf die betreffende Stelle in B III, 2,298 verweisen zu müssen glaubt, so scheint er übersehen zu haben, daß A (1352—54): Hor.:

The king is moued, my lord.
Ham.: I, Horatio, I'le take the Ghosts word

For more then all the coyne in Denmarke im Verein mit dem ganzen Verlauf des Stückes bis zu dieser Stelle ausreicht, um jenen Theil in D ohne B zu erklären.

10) In D III, 6 redet Hamlet den Geist an: „Ach werther Schatten meines Vaters, stehe still! Ach, ach, was ist dein Begehren? Forderst du Rache?" B III, 4, 103:

Saue me and houer ore me with your wings

You heauenly gards: what would your gracious figure? Diese Anrede ,,Werther Schatten“ erinnert zu sehr an die Stelle D I, 5: Rede, Du seeliger Schatten meines königlichen Herrn Vaters — um nicht als selbständige Einflickung zu erscheinen. Im Uebrigen weist hier Nichts stärker auf B als auf A, ja, wenn man erwägt, daß Hamlet in den obigen Worten ausdrücklich an die Rache erinnert, und in A (1505 f.) sagt:

Doe you not come your tardy sonne to chide

That I thus long haue let reuenge slippe by? so glaube ich in diesem Punkte eher einen Hinweis auf A als auf B erblicken zu dürfen, da das Wort reuenge an jener Stelle in B

ganz fehlt!

11) Siehe weiter unten.

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