Imagini ale paginilor
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gabe, und unter dem Vorwande der Selbstachtung weigert er sich heftig, ihr nachzugeben. Volumnia, welche die ganze Bedeutung des Augenblicks fühlt, nimmt jetzt den letzten Pfeil aus dem Köcher. Sie wird selten zornig, selbst wenn sie gereizt wird, und sie hat es sich zur Regel gemacht, lieber nachzugeben als zu kämpfen; aber sie gehört zu den willenskräftigen Naturen, die ihrer Stimmung nach Belieben freien Lauf lassen oder Einhalt thun können: selbst im Zorne vergessen sie sich nie, und der Ausbruch desselben ist eben dadurch, daß er so selten ist, von unwiderstehlicher Wirkung auf den Gegner. So wendet sich jetzt Volumnia plötzlich an ihren Sohn, tadelt ihn heftig, weil er seiner Pflicht nicht genüge und weil er durch seine Weigerung sie beschimpfe; sie gebietet ihm, ihren Willen zu thun, weil er sonst ihr und der Stadt Tod und Verderben bringe und schließt mit dem Vorwurf:

Deine Tapferkeit
War mein, die sogest Du aus meiner Brust;

Doch Deinen Stolz nenn' Dein. Ihr Mißfallen besiegt ihn sofort; er entschuldigt sich in einem Tone, welcher der gewöhnlichen Redeweise des hochmüthigen Coriolan sehr unähnlich ist und verspricht Gehorsam. Sie ist zu klug durch sofortiges Vergeben die Wirkung ihres Tadels abzuschwächen und geht ab mit einem kurzen „Thu', was Du willst.“

Danach begegnen wir der Volumnia wieder bei dem rührenden Abschiede von Coriolan; das völlige Fehlschlagen ihrer größten Hoffnungen hat sogar ihren Muth gebrochen; unter bittern Thränen umarmt sie ihren Sohn, während er ihre Rollen sind hier zum ersten Mal vertauscht – sie aufrecht hält und tröstet. Virgilia's Klagen thut er Einhalt mit der Schärfe, wie der Schmerz sie erzeugt; aber zu seiner Mutter spricht er mit aller Freundlichkeit. Selbst als sie Diejenigen verflucht, welche so undankbar gegen ihn waren, und man erwarten könnte, auch er werde sich in Schmähungen verbreiten, besänftigt er sie. Die würdevolle Geduld, das Zartgefühl, welches er hier zeigt, bringt uns zu der Ansicht, daß bei einer etwas anderen Leitung seine Fehler nicht in dem Maße seine bessern Eigenschaften würden verdunkelt haben.

Er geht dahin, und die Frauen kehren unter Menenius' Obhut nach Hause zurück. Sie begegnen den Tribunen und bei ihrem Anblick bricht Volumnia in Verwünschungen und laute Schmähungen aus. Vergebens versucht Menenius, sie zum Schweigen zu bringen, damit nicht die beleidigten Tribunen sich, wie er fürchtet, an der unbeschützten Familie des Coriolan rächen. Ihr Zorn ist ebenso ungezügelt, ihre Gleichgiltigkeit gegen die Folgen so groß wie bei ihrem Sohne; sie fühlt, gerade wie er oft empfindet, daß sie ihr Herz entlasten muß, damit sie nicht an der Last ersticke. Erst jetzt sehen wir, wie sehr die Charaktere von Mutter und Sohn einander gleichen

Die innere Qual vernichtet die Macht der Selbstbeherrschung, welche sie nur durch langdauernde Selbstzucht erworben haben kann; denn von Natur heißblütig und geneigt, Alles auszusprechen, was ihr Gemüth bewegt, läßt sie sich zu diesem Zornesausbruch hinreißen bei dem Gedanken, daß nun Alles vorüber ist, und daß weder Umsicht noch Geduld ihrem Sohn ferner helfen können. Man vergleiche das verhaltene Feuer, wenn sie Coriolan tadelt, mit ihren jetzigen wilden Worten: da erkennt man den Unterschied zwischen der Leidenschaft, welche vom Willen gezügelt ist, und derjenigen, welche plötzlich ausbricht und jede Schranke überspringt. Man vergleiche auch die verschiedenen Gemüthszustände, welche in diesen Scenen zum Ausdruck kommen. In der einen ist ihre ganze Kraft darauf gerichtet, ihren Sohn zu überreden, daß er den falschen Schritt, welchen er gethan, wieder gut zu machen suche; sie ist ungeduldig, aber ihr Zorn ist nur das Mittel, mit welchem sie ihren Zweck erreicht. Jetzt aber weiß sie, daß sie ihren Sohn aus dem Verderben, in welches er sich selbst gebracht, nicht erretten kann. Leiblich und geistig niedergedrückt, muß sie Erleichterung finden; wäre sie nicht den Tribunen begegnet, so würde sie ihren Muth, ihren Schmerz in anderer Weise ausgelassen haben. Die Spannung ihrer Nerven ist der Art, daß sie an Allem Anstoß nimmt, und so zankt sie sogar mit Virgilia um deren natürliche Thränen. Der arme, alte Menenius steht ihr bei, wie er ihrem Sohn zur Seite gestanden und sucht vergebens, ihre Wuth zu mäßigen, und zu verhindern, daß sie Unheil über ihr Haupt bringe, wie es der Sohn gethan.

Voll Bitterkeit über das Unrecht, das ihm sein Vaterland angethan, geht Coriolan inzwischen zum Feinde über, und nachdem er Feldherr der Volsker geworden ist, marschiert er mit diesen

gegen Rom.

Plutarch erzählt, wie Valeria, welche von einem Gott begeistert zu sein glaubt, mit einer Schaar von Frauen nach dem Hause der Volumnia kommt, wie sie diese mit Virgilia zusammenfindet, den jungen Sohn des Marcius auf dem Schoße, und mit großer Feierlichkeit ihnen erzählt, daß sie abgesandt sei, um sie zu bitten, in das Lager der Volsker zu gehen und Coriolan anzuflehen, er möge Gnade an Rom üben.

Bei Shakespeare findet sich keine entsprechende Scene – die nothwendige dramatische Beschränkung ließ sie nicht zu —; aber bemerkenswerth sind sowohl die Rede der Valeria, als die Antwort der Volumnia. Erstere hebt hervor, die Bürger hätten Anspruch auf Dankbarkeit von Seiten der Familie des Marcius; denn sie hätten in keinerlei Weise sich an den Familiengliedern zu rächen gesucht und wären auch bereit, sie sicher seinen Händen zu übergeben, obschon sie dafür weder Dank noch Milde von ihm erwarteten. Letztere drückt in ihrer Antwort ihren großen Kummer aus über des Landes augenblickliche Noth; Coriolan erwähnt sie nur nebenbei – gerade als wenn der Schmerz über seinen Verlust durch die Sorge um die Leiden des Vaterlandes übertäubt worden wäre.

Wir wissen also als Thatsache, daß der Triumph der Volsker der Volumnia keinen Nachtheil gebracht haben würde, sondern sehr wahrscheinlich Vortheil, als der Mutter ihres siegreichen Feldherrn, und daß darum der Gang zu ihm in keiner selbstsüchtigen Absicht unternommen wurde, sondern nur aus Liebe zu dem Vaterlande, dessen Unglück sie so aufrichtig betrauerte.

Wir sehen dann, wie Coriolan sich in ziemlich hochmüthiger Weise bei Aufidius entschuldigt. „Nur wenig gab ich nach": nämlich bei den Bedingungen, welche er durch Menenius nach Rom geschickt hat. Dies bereitet schon den Boden für den Schluß der Scene vor, und die Willfährigkeit bei den Bitten seiner Mutter scheint um so natürlicher.

In dem Augenblick, wo er das Geschrei vernimmt, welches die Ankunft der römischen Frauen verkündet, ahnt er, wer da kommt; seine Entschlossenheit schwankt, und obgleich er sie zu bewahren bemüht ist, wird er doch wieder schwach, sowie er Diejenigen sieht, die er liebt, bis er in zornigem Widerstreben gegen die eignen, sanfteren Gefühle ausruft:

Nie will ich thierisch dem Instinkt nur folgen,
Ich steh', als hätt der Mensch sich selbst erschaffen,
Nichts von Verwandtschaft wissend!

Volumnia hat den Vortritt, welcher ihr gebührt, der Virgilia überlassen, und das junge Weib begrüßt ihren „Herrn und Gatten". Er nimmt sie zärtlich in seine Arme; dann aber, sie hastig von

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sich drängend, kniet er vor Der nieder, die er „aller Erdenmütter Edelste" anredet.

Volumnia hat mit einem Herzen voll Schmerz und Freude ihren Sohn betrachtet. In den Worten: „Steh auf, gesegnet giebt sie ihrer Empfindung Ausdruck; und wohl wissend, wie dies auf ihn wirken müsse, sinkt sie ihm zu Füßen, und hält ihm ganz demüthig seine Handlungsweise vor.

Im Anfang dieser Scene kämpft Volumnia's natürliche Neigung zu ihrem Sohne um die Oberhand, obgleich sie mit eiserner Hand sie zurückdrängt und entschlossen ist, die ihr übertragene Rolle auf die verständigste und taktvollste Weise durchzuführen, um ihren Zweck zu erreichen. Hätte sie mit der ihr sonst eignen liebenswürdigen Begrüßung nicht gezögert; hätte sie wie sie es that, ihn nicht in einer gewissen Entfernung gehalten, er würde weit weniger bereit gewesen sein, ihre Bitte zu gewähren; aber obwohl sie es für Rom gern thut, so kostet es ihr doch viel. Noch etwas Anderes macht ihr Benehmen ihm gegenüber förmlicher und gekünstelter als in der früheren Ermahnungsscene, bis sie durch die Gewalt ihrer eigenen Worte fortgerissen wird: sie kommt als Gesandtin Roms, und spricht mit der Würde, die sich einem solchen Amte ziemt.

Schnell und mit heftigem Widerspruch hebt Marcius sie auf. Beide messen einander mit den Augen bis sie in ihrer gewohnten, leidenschaftlichen Zärtlichkeit sagt:

Du bist mein Krieger; Ich half Dich bilden. Dann kehrt sie zu ihrer Aufgabe zurück und sagt mit ernster Förmlichkeit: ,,Kennst du diese Frau ?" Und dem Feldherrn bleibt Nichts übrig, als sie höflich zu grüßen. Mit demselben Ernst stellt Volumnia ihm seinen Sohn vor. Der verschüchterte Kleine vergißt niederzuknien, er erhält von seiner Großmutter einen Verweis, und wird zärtlich von seinem Vater ermuthigt; dies häusliche Zwischenspiel bildet eine willkommene Abwechselung zu dem ernsten Gepräge der ersten Scene. Danach nimmt sie ihren früheren Ton wieder an. Als ob sie vor dem Treffen ihre Streitkräfte überzählen wollte, beginnt sie ihre Bitte:

Eben er, Dein Weib, die Frau hier und ich selbst,

Als Bettler stehen sie vor Dir. Sie ist auf einen Kampf mit ihm gefaßt; aber sie hofft, daß diese demüthige Bitte, dies wohlbedachte Gesuch von ihr, die sonst

zu befehlen gewöhnt ist, seinen Entschluß tief erschüttern werde. Der Erfolg beweist, daß sie Recht hatte; denn er unterbricht ihre Rede mit Weigerungen, die im Grunde nur Bitten sind, ihn zu schonen; und Volumnia ihrerseits ruft: „0, Nichts mehr, Nichts mehr!“ als schaudere sie vor dem Kummer, abgewiesen zu werden. Dann zwingt sie sich zu ihrer Pflicht: sie befiehlt ihm sie anzuhören; und da er sieht, daß kein Entkommen aus dieser höchst qualvollen Unterredung ist, so setzt er sich, befiehlt dem Aufidius als Zeuge da zu bleiben, und fragt, kurz und amtlich: „Euer Gesuch?“

Da sie ihn so entschlossen findet, weiß Volumnia, daß sie ihr Ziel mit Gewalt erreichen muß. Erst jetzt zeigt uns Shakespeare recht, wie theuer der Volumnia das Vaterland ist - durch den leidenschaftlichen Ton und die Gewalt ihrer Fürsprache für dasselbe. Wir hören, wie der Gedanke, daß durch ihren Sohn, welchen sie aufgezogen hat, dem Vaterland zu dienen, nun das Vaterland zu Grunde gehn solle, ihre jetzige Seelenangst aufs Höchste steigert:

Und uns Arme trifft
Am Tödlichsten Dein Groll; Du wehrst es uns,
Die Götter anzuflehn, ein süßer Trost
Für Alle außer uns! denn ach! wie können,
Wie können für das Vaterland wir beten,
Was unsre Pflicht ist, und zugleich um Sieg
Für Dich, was unsre Pflicht ist?
Weh uns! wir müssen unsre theure Amme,
Das Vaterland, verlieren, oder Dich,
Dich, unsern Trost im Vaterland! Wir finden
Gewisses Unglück nur, auch wenn Der siegt,
Dem wir es wünschen: entweder muß man Dich
Als Fremden, Abgefallnen durch die Straßen
In Ketten führen, oder im Triumph
Trittst Du auf Deines Vaterlandes Trümmer,
Und trägst die Palme, weil Du brav vergossen
Das Blut von Weib und Kind.

Alle Augenblicke hält sie inne in Erwartung einer Antwort: aber keine erfolgt. Sie mahnt ihn an die Möglichkeit einer Niederlage, nach welcher er die Schmach ertragen müsse, im Triumph durch Roms Straßen geführt zu werden; er schweigt. Dann bricht plötzlich ihr Unwille aus, und sie versichert ihm, daß sie seinen Sieg nicht überleben würde. Man beachte, wie gleichmäßig und gewichtig der Gang dieser Verse ist; es sind nicht die kurzen hervorgestoßenen Sätze, wie sie der Volumnia

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